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Warum wir hier auf der Erde sind

Stellst du diese Frage einem Wissenschaftler, wird er dich mit leeren Händen nachhause schicken und sagen, dass es höchstwahrscheinlich keinen Grund gibt, warum wir hier auf der Erde sind. Ein katholischer, jüdischer oder muslimischer Priester wird antworten, dass es der göttliche Wille ist und dass am Ende der Zeit nur die von Gott Gerichteten und Auserwählten zurückkehren werden, um den Planeten zu bevölkern. Eine spirituelle Tradition des Ostens würde stattdessen entgegnen, dass es um unsere Evolution geht und um unseren Ausstieg aus dem Leid. Doch das Leben ist viel einfacher und außergewöhnlicher als die Vorstellung, die wir von ihm haben – und dieser kurze Artikel verrät, warum.

Beginnen wir damit, dass alle Theorien über den Sinn des Lebens, die von der Gestalt Gottes ausgehen, viele Punkte offen lassen. Zum Beispiel ist nicht klar, was man im Paradies tut, während man darauf wartet, dass die Liebsten dort ankommen (im Gegensatz zur Hölle, über die wir alles wissen). Oder wozu ist es gut, eine unvollkommene Menschheit zu erschaffen, dann einen Teil dieser zu retten und den anderen wieder aufzulösen? Auch in der „evolutionären“ These von einer durch die Erleuchtung erreichte Vereinigung mit Gott bleibt einiges unklar: Wir sollen von ihm abstammen und sogar bereits in ihm sein – doch wo geht es dann noch für uns hin, wozu sich dann noch weiterentwickeln? Ein „erfahrener“ Eso-Tourist würde antworten: „Der Zweck ist es, das Selbst zu erkennen“; also lebt das Leben, um sich selbst zu erkennen…? Atmen wir einmal tief durch und gehen wir weiter.

Warum also vermehrt sich ein Molekül, dehnt sich das Universum  aus, fließt ein Fluss stromabwärts, singt ein Vogel jeden Morgen oder malt ein Künstler auf seine Leinwand? Versuch einmal, diesem in Dir selbst nachzusinnen. Es ist einfacher, als du denkst: aus Freude, seine eigene Natur auszudrücken.

Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig zu akzeptieren ist, dass der Motor allen Lebens die Freude sein soll. Wie oft hat man uns gesagt: „Erste die Arbeit, dann das Vergnügen“? Sicher so viele Male, dass es jetzt offensichtlich erscheint, dass es sich hierbei um ein wertvolles Prinzip für das Leben auf dieser Erde handelt. Doch niemand hat jemals darüber gesprochen, wie die Dinge außerhalb dieser „Weltordnung“ aussehen, die wir in uns geschaffen haben, mit all unseren Regeln und der sozialen Moral von Recht und Unrecht unseres Umfelds. Niemand hat jemals von der Schönheit eines Dienstes, dem Vergnügen, das in ihm liegt, und der großen Bedeutung des Vergnügens selbst erzählt, durch das sich alles bewegt.

In der ägyptischen Mythologie existiert eine Geschichte, die von zwei feurigen Liebhabern erzählt: Geb, die Erde, und Nut, der Himmel. Sie waren ursprünglich in einem gewaltigen Wirbelwind des Vergnügens vereint, bis der Gott Ra, dem diese Vereinigung widerspricht, Shu befahl, sie zu teilen und so den Raum zwischen Himmel und Erde zu erschaffen: die Welt, in der wir leben. Nut bildete so das himmlische Gewölbe, unterstützt von Shu, und Geb wurde zu Boden gedrückt und blieb dort. Dieser Mythos ist das Symbol unserer Position in einem Zwischen-Raum, zwischen entgegengesetzten Polen, die sich gegenseitig anziehen, ohne zusammen sein zu können, zwei Gegensätze, die sich dem anderen hingeben möchten und sich doch gleichzeitig ablehnen: Der Geist und die Materie. Und genau hier entstehen unsere Probleme mit der Freude: zu göttlich für den Menschen, zu menschlich für das Göttliche. Die Religionen und Gesellschaften haben diese alsbald verurteilt oder als nichtig betrachtet, um folglich sagen zu können: „Erst die Pflicht, dann, wenn dann noch  Zeit ist….“.

Doch das Vergnügen bleibt der Magnet, der unsere Pole anzieht. Wir können es unterdrücken, doch wir werden uns weiterhin danach sehnen, alles spricht darüber zu uns.

Oft suchen die Menschen das Vergnügen, als wäre es ein Zustand, der „woanders“ zu finden ist, d.h. etwas, das jetzt nicht vorhanden ist. In einer ersten Bewusstseinsphase suchen sie es durch die Veränderung der äußeren Bedingungen (ein anderer Job, eine andere Stadt, ein anderer Partner, etc.), während sie es in einer zweiten Phase durch die Veränderung der inneren Bedingungen suchen: „Ich kann so nicht weitermachen. Ich muss etwas tun, um Freude an meinem Leben in dieser Welt zu erlangen. Aber in beiden Fällen gibt es die Vorstellung, dass das Vergnügen wie ein Objekt ist, das man besitzen muss oder ein Ziel, das man mit eigenen Taten verfolgen und erreichen kann. Wenn man stattdessen über die Essenz des Vergnügens nachdenkt, erkennt man den absoluten Charakter in seiner Präsenz. Jedes Mal, wenn wir die Türen dafür offen lassen, überschwemmt er unser ganzes Wesen und löscht alle Überreste unserer Maske und Ordnung. Wenn du da bist, ist es nicht da und wenn es da ist, bist du nicht da, bitte überprüfe dies einmal für dich. Die Handlung, die wir im Vergnügen ausführen, geschieht spontan, und der Gedanke „Ich freue mich so“ folgt erst danach. Deshalb kann es das Tor zum Herzen des Lebens werden, du musst nur lernen, die Erfahrungen zu verstehen, die wir als Erfahrungen machen, die die Existenz selbst durch uns macht.

Und je mehr du diesem dann Raum in dir gibst, wirst du entdecken, dass die Freude eine sehr erhebende Kraft hat: sie bringt dich dazu, dich selbst zu vergessen und dich in einem viel größeren Du zu verankern, im Herzen der Existenz, wie dies nichts und niemand besser könnte. Der Körper, der Verstand, das Herz und der Geist werden dies unterschiedlich wahrnehmen und dies anders deuten, aber die Bedeutung selbst bleibt die gleiche: sich auf den Ausdruck deiner eigenen Natur neu auszurichten und die Grenzen aufzulösen, die deine Persönlichkeit von der Unermesslichkeit der Existenz trennen. Aus diesem Grund und aus keinem anderen bist du hier: deinem Körper, deinem Geist, deinem Herz und deinem Geist Freude zu schenken.

Ein großer Meister sagte: „Für alles „Intelligente“ hat das Leben uns keine freie Wahl gelassen. Denn wenn du die Möglichkeit hättest, Dich zu entscheiden, wann du atmest, würdest du im Schlaf sterben“. Und so gibt es auch für das Vergnügen Wege, die unabhängig von unserem Verstand laufen, die es speisen und zum Fließen bringen, Urkräfte, die in uns wohnen und sich durch uns ausdrücken wollen: Die Kraft, die Lust und die Freiheit. Die erste ist eine Kraft, die sich der Freude widmet, neue Formen zu schaffen und die Lasten der Vergangenheit zu zerstören, zum Beispiel bei der Explosion eines Sterns oder in der Beharrlichkeit für das Kreieren eines neuen Projekts. Die zweite Kraft stellt die Freude dar, unser „Großes Design“ in den Formen wahrzunehmen, die uns in Zukunft erwarten. Du findest es im Drang eines Moleküls, sich zu reproduzieren, um einen Körper zu erschaffen oder in den Träumen, an die du glaubst. Die dritte ist stattdessen die Kraft, die mit Freude aus jedem Gefängnis flieht oder sich nicht mit den Grenzen der bekannten Welt zufrieden gibt. Diese findest du z.B. in den Augen eines Kindes beim Betrachten einer fantastischen Aussicht.

Ein altes Sprichwort lautet:

„Derjenige, der die Arme eines Kriegers, das Herz eines Priesters und die Füße eines Tänzers besitzt, ist ein vollkommenes Wesen.“

Wenn alles vom Vergnügen bewegt wird, gilt das dann auch für Leiden, Pflichten und Bedürfnisse? Für die Freude sind diese Dinge nicht anders, und du kannst es für dich selbst herausfinden, indem du dir die Zuneigung ansiehst, die die Menschheit für ihre Leiden empfindet. Leid schneidet dich ab, zwingt dich, in dich hineinzuschauen, isoliert dich trotz Gesellschaft…. – und wenn du bereit bist, es zuzugeben, bereitet dir dies ein gewisses Maß an Freude.

Wir alle werden erzogen, gebildet zu sein, dürfen weder spontan sein noch das Wunder der Existenz wahrnehmen; wir lernen die Namen von Dingen, Blumen, Bäumen aber nicht, wie wir mit ihnen kommunizieren sollen, im Einklang mit der Existenz. Die Existenz ist ein tiefes Geheimnis, das für diejenigen, die immer nur glauben, analysieren und entscheiden wollen, nicht zugänglich ist. Nur für diejenigen, die bereit sind, mit ihr zu kämpfen, zu begehren, zu tanzen und sich schließlich in sie zu verlieben, wird sie sich erschließen.

Eine kraftvolle, passionierte und freie Umarmung.

Haidehoi David Simurgh

Author:Miriam

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