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Der Schwur des Bettlers

“Vielleicht ist es das nicht wert, schließlich ist es hier, wo ich bin, besser.”
Wie oft warst du schon kurz davor, den begehrten Gipfel zu erreichen, deinen Fuß auf die Schwelle des Zuhauses zu setzen, und das Gefühl, aufgeben zu müssen, ist in dir aufgestiegen. Wie oft hättest du alles auf eine höhere Ebene bringen, dich als das zeigen können, was du bist und stattdessen weglaufen können.

Es ist immer wie ein Kribbeln, das aus den entferntesten Tiefen aufsteigt und dir rät, tiefer zu zielen, dich ein wenig zu schonen, das Ziel nicht zu treffen; wie eine Stimme, die dir ins Ohr flüstert: “Was wird passieren, wenn wir gewinnen?” Denk darüber nach: Die ganze Welt, die ganze Menschheit, erklärt, dass sie einen Weg auf der Suche nach Liebe, Frieden, Wahrheit und Gott beschreitet, und dann, sobald sie deren Nähe wahrnimmt, wird sie abgelenkt, lehnt sie ab und kehrt um.

Es ist wie ein alter Schwur, ein altes Gelübde, das mit all den Zeiten zu tun hat, in denen du dich nicht groß genug, nicht würdig genug gefühlt hast. An all die Zeiten, in denen du auf dich selbst gesetzt und verloren hast, in denen du gebetet hast und verlassen wurdest, in denen du mit deiner Kraft nicht umgehen konntest und jemand neben dir schrecklich gelitten hat.

Du hast also gesagt: “Ich schwöre feierlich, zur Seite zu treten, mich an den Straßenrand zu setzen und anderen beim Vorbeigehen zuzusehen. Lass sie, ich habe genug, mein Herz hat genug. Ich werde betteln, ich werde ein Bettler sein, alles, solange nichts mehr von mir abhängt.”

Du hast dir geschworen, es nie wieder bis zum Äußersten zu versuchen, damit du nicht abermals scheiterst. Und wegen dieses Schwurs hast du jedes Mal, wenn du eine Chance bekommen hast, jedes Mal, wenn sich ein Vorhang geöffnet hat, jedes Mal, wenn dir ein Zepter gegeben wurde, jedes Mal, wenn dich jemand geliebt hat, alles getan, um dich zurückzudrängen, um zu sabotieren, um aufzugeben, damit du nicht wieder vertrauen musst. Und du hast es so gut gemacht, so viele Leben lang, dass du es heute wahrscheinlich sogar vergessen hast, dass du es gar nicht mehr bemerkst, du und so viele andere mit dir.

Doch du weißt es, wenn du in den Tiefen des Geistes unterwegs bist, vielleicht spürst du es. Viele Male hast du dich gefühlt, als würdest du fallen und viele Male hast du dich gefühlt, als würdest du verlieren, aber das war nur eine Version deiner Geschichte. Wie viel Schönheit im Universum entsteht aus dem, was wir für einen Fehler halten, aus einer Unvollkommenheit. Wie viel Wunder kann aus den Tränen eines Schreis, aus dem Schmerz einer Geburt entstehen.

Dann höre mir gut zu und denke darüber nach: Deine Kleider sind fadenscheinig, deine Hände schmutzig, du hast dich genug bestraft. Du hast dich selbst hinreichend bestraft! Vergib, was gewesen ist, vergib dir selbst für das, was du nicht geben konntest, erkenne deine Qualitäten an, geh den ganzen Weg: Was kannst du sonst noch tun? Du bist ein König, der als Bettler verkleidet ist. Wie gut du dich auch verstellen magst, das Licht in deinen Augen wird deinen Betrug immer verraten.

Eine Umarmung, um uns gemeinsam aufzurichten

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